Mi

14

Jan

2015

Die Chinesische Strategiekultur — Ein genauer Blick auf Sunzis Klassiker

Mit Sicherheit erinnern Sie sich an eines der letzten, nicht wenigen Büchlein zu Sunzis Kunst des Krieges (孙子兵法) und wie sehr er für kampflosen Sieg steht. Vielleicht ist Ihnen auch Einiges an Parallelen für die Geschäftswelt erzählt worden. Ganz sicher haben Sie aber Vieles an Informationen über Chinas wirtschaftlichen und damit auch politischen Aufschwung erhalten und wie friedlich dieser gemäß chinesischer Kultur und Tradition über die Bühne gehen würde. 

Nun, die Kultur, die unsere Generation mit ihren eigenen Augen bezeugen kann, ist lediglich die einer Nation, die sich weit entfernt von einer Macht "im Sollzustand" befindet. Die Konsequenz des Versagens der Qing-Dynastie, rechtzeitig die Zeichen der Zeit der Industrialisierung nach glorreichen Jahren zu erkennen, war der Rückfall in feudale Verhältnisse, Verlust der Staatssouveränität und der Rückgang zu einem Kolonialisierungsobjekt. Vom beginnenden 19. Jahrhundert bis gerade eben kann nicht von einem Staat gesprochen werden, der sich in einem gesunden Zustand befindet. 

 

Mit dieser Prämisse kann das augenscheinliche Verhalten Chinas besser eingeordnet werden und der vielzitierte Klassiker Sunzis (der berühmteste der sieben chinesischen Militärklassiker) besser verstanden werden. Es handelt sich bei der Kunst des Krieges nämlich keineswegs um ein Plädoyer für eine pazifistische Gesamtstrategie, sondern vielmehr um ein Werk, das einerseits eine allumfassende Flexibilität (权变) betont, andererseits das Streben um Vorherrschaft als Nullsummenspiel betrachtet und daher konsequenterweise das Motto si vis pacem, para bellum vertritt. Wichtig für seinen fragwürdigen Einsatz ist ebenso, zu verstehen, dass es sich nicht um ein staatspolitisches Werk oder eine altchinesische Seminarunterlage zu Managerkursen handelt. 


Vielmehr handelt es sich um eine Abhandlung über Streitkräfte, Grand Strategies, diplomatische und militärische Strategeme, Logistik, Taktik und Aufklärung. Somit dürfen wir Ihnen vom Einsatz im Geschäftsleben abraten, wenn Sie Sunzis Zeilen folgen: Während am Schlachtfeld einer siegt und der andere verliert, so besteht unsere Wirtschaft glücklicherweise aus Kooperation und win-win-Mustern. Sehen wir uns für ein gutes Verständnis die "destillierten" Inhalte des Werks in Form einer "kognitiven Karte" an:

Der erste Blick dorthin, wo die Pfeile führen, verrät, das Ziel allen (militärischen) Strebens lautet Sicherheit des Staates. Dafür nötig ist in erster Linie ein Sieg über den Gegner, der über Kraftausübung und Schwächung des Gegners möglich wird. Die Gründe für den Sieg befinden sich laut Sunzi vorrangig in umfassender Informationsbeschaffung — um sich selbst und den Feind sowie den klimatischen, geographischen und organisatorischen Rahmen zu kennen. 

 

Raum gibt Sunzi auch Strategemen, indirekten Vorgehensweisen, die oft als "List" übersetzt werden und beispielsweise über den Kanon der "36 Strategeme" bekannt sind. Der aufmerksame Leser wird bei genauem Hinsehen aber einen direkten Pfeil von Strategemen zum Sieg über den Gegner oder zur Sicherheit vermissen. Es wäre falsch, die Kunst des Krieges so zu deuten, dass Listen direkt zum Sieg führten. Listen können und sollen politische, militärische und  spieltechnische Rahmenbedingungen gestalten und dadurch die Situation so drehen, dass wir Macht gewinnen, dann handstreichartig attackieren und den Sieg nach Hause tragen. 

 

Auch sehen wir die Option einer direkten Verbindung zwischen Kraftausübung und dem Sieg. Durch besonders gute Führungsqualität und Mobilisierung von Ressourcen wird die Fähigkeit zur Machtprojektion erlangt. Sunzis Satz "Das Beste ist, zu siegen ohne zu kämpfen" bedarf hier eines genauen Blickes. Im Rest seines Werks elaboriert der Autor, wie am besten zu kämpfen wäre — wie passt das sonst mit einer so friedliebenden Sentenz zusammen? Eine Lösung liegt in der populären, vermutlich nicht korrekten Übersetzung, die diesen Satz nicht in Übereinstimmung mit 

dem Rest des Werkes bringt. "Ohne zu kämpfen (不战)", , kann im klassischen Chinesisch auch als 未战 gelesen werden. In diesem Fall heißt es "noch nicht gekämpft zu haben". Der Satz lautet somit sinngemäß: "Das Beste ist, erst optimale Bedingungen für den Sieg zu schaffen und erst dann zu kämpfen und den Feind zu schlagen." Diese Übersetzung qualifiziert sich auch, indem sie mit Sunzis Goldener Regel übereinstimmt, die allumfassende Flexibilität an oberste Stelle setzt. Flexibilität, um das Rad weiterzudrehen und diese optimalen Bedingungen mit langem Atem zu gestalten. 

 

Mit dieser Gesamtschau der Logik Sunzis wird ersichtlich, dass entgegen landläufigen Meinungen der Einsatz von Macht keineswegs zweitrangig, sondern entscheidend ist für die Sicherheit. Ganz hervorragend passt die aktuelle populäre Interpretation des Werks in pazifistischer Richtung mit seiner goldenen Regel zusammen: Nämlich die Rahmenbedingungen so zu schaffen, dass aus einer schwachen Position eine starke wird — und dann durchaus zuzuschlagen. Nun, wir haben ein noch schwaches China vor unseren Augen. Und wenn es Sunzi richtig interpretiert, dann müsste es gerade in diesem Moment die Rahmenbedingungen 

schaffen, wieder stark zu werden, ohne noch Kämpfe im weitesten Sinne führen zu müssen. 

 

Nun, mit diesem Verständnis Sunzis dürfen wir Ihnen einen Abschlussgedanken mitgeben: Wenn die Kunst des Krieges wirklich richtig interpretiert und umgelegt wird, sehen wir ein China, dass sich in wirtschaftlichen, politischen und militärischen Aspekten Rahmenbedingungen schafft, die seine Machtposition stärken. Es wird schlaue Taktiken und eine ausgefeilte Informationspolitik 

betreiben, um stärker zu werden. Die entscheidende Frage wird sein, welche Streitkräfte China dann einsetzen wird, um seine Machtposition auszubauen und zu stabilisieren. Und soviel können wir schon erraten: es wird nicht an erster Stelle seine Armee sein. Das Schlachtfeld der Zukunft sieht anders aus und ist viel eher mit Renminbi ausgekleidet als mit Granaten durchsetzt. Chinas wirtschaftliches Primat wird weiterhin vorrangig sein und hier handelt es sich zum Glück eben nicht mehr um ein Nullsummenspiel. Ob wir Chinas Partner oder Gegner sein wollen, seine politische, wirtschaftliche und menschliche Kultur akzeptieren können und einen gemeinsamen Weg der Entwicklung gestalten wollen — das müssen wir bewusst und klug entscheiden. Wir werden dabei mit Sicherheit ein selbstbewussteres China an unserer Seite oder vor uns haben. 

Autor:

Peter Buchas, BSc, ME

Unternehmensberater (www.stadtt.at)

Finanzvorstand, ACBA

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