Logistik zwischen China & Europa - die neue Seidenstraße

Der Warenfluss zwischen China und der  EU betrug in vergangenen Jahren zirka 300 Milliarden Euro, umgekehrt wurden Güter im Wert von zirka 150 Milliarden Euro aus der EU nach China exportiert. Dies stellt eine enorme logistische Herausforderung dar. 

Die Beförderung dieser Güter erfolgt zum weitaus größten Teil im Seeverkehr. Nur verschwindend kleine Mengen werden per Luftfracht oder auf der Schiene an ihren Bestimmungsort geliefert.


Gerade im letzteren Segment zeichnen sich nunmehr rapide Entwicklungen ab. Die Bahnspedition IRS InterRail Services, Berlin, hat gemeinsam mit den chinesischen Eisenbahnen und dem DB Schenker Rail Marktbereich Intermodal einen neuen Dienst zwischen China und Europa aufgenommen. Es handelt sich dabei um den ausgedehntesten Zuglauf auf dieser Relation.

Der Güterzug aus Yiwu auf dem Weg nach Madrid
Der Güterzug aus Yiwu auf dem Weg nach Madrid

Im November vorigen Jahres ging dann auch der erste Ganzzug zwischen Yiwu in der ostchinesischen Küstenprovinz Zhejiang und Madrid auf die Reise. Beladen war er mit Konsumgütern in 40-Fuß-HC-TBJU Containern. Die rund 13.000 km lange Route verläuft über Xinjiang, Kasachstan, Russland, Weißrussland, Polen, Deutschland und Frankreich.

 

Damit wurde die bisher bediente Strecke von China nach Deutschland um Frankreich und Spanien erweitert. Die Strecke soll von 2015 an zweimal monatlich bedient werden. Die Züge befördern jeweils 30 Container. Die Transitzeit beträgt zirka 20 Tage und bedeutet damit eine Halbierung der Zeit von zirka 40 Tagen, die für die übliche Seefracht einzuplanen ist. Diese neue Route ist günstiger als Luftfracht und schneller als Seefracht.


Die Yiwu-Madrid Güterzugroute ist die bereits siebente Zugfrachtverbindung zwischen China und Europa. Die erste war die Chongqing – Duisburg Route, die 2011 in Betrieb genommen wurde. Darauf folgten Routen zwischen Wuhan nach Tschechien (Pardubice), Chengdu nach Polen (Lodz), Zhengzhou – Deutschland (Hamburg), Suzhou – Polen (Warschau) und Hefei – Deutschland. Die meisten dieser Verbindungen führen durch Xinjiang und Kasachstan.


Derzeit wird die Zugverbindung vor allem für Exporte aus China nach Europa genutzt.


Yiwu (ca. 1 Mio Einwohner) ist die erste „3rd Tier“-Stadt mit einer Güterzugsverbindung nach Europa. Es liegt aber auch klar auf der Hand, warum gerade Yiwu in Zhejiang als nächster Knotenpunkt der „Neuen Seidenstraße“ gewählt wurde. Yiwu ist einer der größten Sourcing-Zentren für Konsumgüter von Spielzeug und Textilien bis zu Elektronik und Autozubehör.  


Eine Premiere in der Welt des intermodalen Transports ist 2014 DB Schenker auch mit der Organisation des Transports von Elektronikartikeln per Bahn, LKW und Flugzeug von China nach Brasilien gelungen. Die Kombination der Verkehrsträger über drei Kontinente verkürzte die Laufzeit um fast vier Wochen. Insgesamt wurden 21 Tonnen Elektronik für Mobiltelefone von Chongqing in Zentralchina über Kasachstan, Russland, Weißrussland und Polen auf der Schiene bis nach Duisburg transportiert. Von dort wurden sie per Lkw zum Frankfurter Flughafen gebracht, von wo es per Flugzeug nach Brasilien weiterging.

Die Kombination aus Bahntransport, Lkw und Luftfracht verkürzte die Laufzeit von Asien nach Südamerika gegenüber reiner Seefracht um fast vier Wochen. Der Transport über die 10.124 km auf der Schiene bis nach Duisburg dauerte 17 Tage. Insgesamt war die Ware nur 24 Tage bis zum Ziel in Brasilien unterwegs, als reine Seefracht hätte sie 50 bis 55 Tage gebraucht.  


DB Schenker bietet auf der Nord- wie auch auf der Südroute von und nach China regelmäßige Verkehre in beiden Richtungen an, als von Firmen fest gebuchter Ganzzug oder auch als Möglichkeit für Kunden, einzelne Container transportieren zu lassen.

Chancen & Herausforderungen

Für die industrielle Produktion wird das chinesische Hinterland immer attraktiver. Die Exporte der Waren von hier nach Europa erfolgen vorrangig über den Seeweg oder per Luftfracht. Doch allein die Überführung der Container ab Chongqing, einer der am stärksten prosperierenden küstenfernen Städte Chinas, zu einem chinesischen Seehafen dauert etwa drei Tage. In diesem Zeitraum hat der Zug Richtung Deutschland über die eurasische Landbrücke schon etwa die Hälfte seines Laufweges durch China hinter sich.


Vor allem die deutlich kürzere Fahrzeit und die Möglichkeit, die Container nach ihrer Ankunft mitten in Europa rasch und sicher weiter zu verteilen, sprechen für den Transport auf der Schiene. Die Frachtkosten für den Zug liegen bis zu 50% oberhalb der Preise für die Seefracht, doch der Güterzug ist – von Tür zu Tür – fast doppelt so schnell wie die Seefracht.


Daher rechnet sich der Landweg auf der Schiene bei Produkten, die schnell und preislich günstiger als die Luftfracht transportiert werden sollen. Dazu zählen insbesondere Aktionswaren der Bekleidungsindustrie sowie kapitalintensive Güter wie Automobil- und Elektronikteile.


Eine Komplikation auf dem Weg der „Neuen Seidenstraße“ stellt allerdings die Uneinheitlichkeit des Schienennetzes dar. Auf der Fahrt über diese längste Eisenbahnstrecke der Welt müssen die Züge jeweils zweimal auf andere Spurweiten umgesetzt werden.


Diese Umstände gehören jedoch vielleicht schon bald der Vergangenheit an. China nimmt mit der Auflage eines 40 Mrd € Fonds und einer Reihe anderer internationaler Infrastrukturprojekte, die Realisierung der „Neuen Seidenstraße“ mit großer Entschlossenheit auf. 


Sollten sich diese Initiativen realisieren lassen, könnten die Container auf Hochgeschwindigkeitszugsverbindungen zwischen China und Europa verkehren. – Vielleicht bald kein Traum mehr!

Autorin:

Mag. Veronika Ettinger

Logistik-Managerin, Borealis Polyolefine GmbH 

Generalsekretärin, ACBA


Der Beitrag wurde im ACBA-Jahresbericht 2014 veröffentlicht. Zum Downloaden.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0

GOLD SPONSOR

Show your logo here! Become our gold sponsor!

Follow us

A member of