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02

Aug

2015

Ein Gürtel, eine Straße – Chinas neue Strategie alter Verbindungen

Die neuen Seidenstraßen verbinden China und seine wichtigen Handelspartner
Die neuen Seidenstraßen verbinden China und seine wichtigen Handelspartner (Bildquelle: http://www.wsj.com/articles/chinas-new-trade-routes-center-it-on-geopolitical-map-1415559290)

Xi Jinping erwähnte am 7. September 2013 zum ersten mal in Kasachstan das strategische Konzept des wirtschaftlichen Gürtels und einen Monat später in Indonesien die Idee der maritimen Straße:Ein Gürtel, eine Straße — One Belt, One Road (OBOR). Der Wiener würde darunter wohl eine Verbesserung der Sommerbaustellen auf Wiens größter Straße verstehen; für den Chinesen bedeutet es eine Loslösung von überalterten Finanzstrukturen, die Integration bis dato schwacher Handelspartner und somit ein solides Fundament für den Ausbau des Chinesischen Traums.

Der Gürtel wird durch die neu geplante Seidenstraße gebildet, die ähnlich der antiken Seidenstraße von China bis Europa reicht — jedoch in einer Ausgestaltung, die der aktuellen politischen und wirtschaftlichen Situation Respekt zollt. Die maritime Seidenstraße des 21. Jahrhunderts läuft von China über Malaysia, Indien und Afrika nach Europa.


Zu Zeiten der antiken Seidenstraße konnte China bis zu geschätzten 33% der globalen Wertschöpfung auf seine Bücher kontieren. Um wieder auf diesen Wert zu kommen, muss China seinen aktuellen Anteil verdoppeln. Die OBOR-Strategie verfügt über ausreichend Volumen für dieses Ziel, denn sie integriert ein Gebiet, das 55% der globalen Wertschöpfung sammelt und 70% der Weltbevölkerung stellt. Wie ernst es China mit der Initiative meint, lässt sich am finanziellen Hintergrund erahnen. Insgesamt werden Investitionssummen von 1,2 Billionen USD kolportiert, von denen 890 Mrd. von der China Development Bank ausgehen und je ca. 100 Mrd. von der AIIB und der BRICS-Bank. Die Strategie soll über die nächsten 35 Jahre umgesetzt werden, und mit Sicherheit wird sie ein essentielles Element in der Erreichung der Ziele zum hundertsten Geburtstag der VR China 2049 sein.


Was sind die Investitionsziele?


Der Gürtel der Seidenstraße soll den Handel quer über die eurasische Landmasse durch den Bau der benötigten Infrastruktur ermöglichen und beflügeln. Gleichzeitig werden Zollerleichterungen und vereinfachte Grenzadministrationen aufgesetzt. Die maritime Seidenstraße etabliert Schiffsrouten und damit verbundene Häfen auf eine konsequente Weise, die bisher nicht so durchgängig realisiert war. Die Inspiration dafür wird Admiral Zheng He zugeschrieben, der bereits im 15. Jhdt. mit seiner Handelsflotte bis nach Afrika vorgedrungen war. Durch beide Projekte entsteht ein verstärkter kultureller Austausch, der eine Offenheit auch in Bildung, Tourismus und Arbeitsmöglichkeiten benötigt und unterstützt. Der Gürtel und die Straße sollen abgestimmte Supply Chains ermöglichen und auch den Austausch von Dienstleistungen verbessern. Ganz vorne steht die Verbeserung der Versorgungssicherheit und eine erhöhte Qualitätsstandardisierung. Generell werden in dieser Strategie Wege definiert, der Falle zu entkommen, als aufsteigende Großmacht in verstärktem Maße die Opposition bereits etablierter Mächte zu erfahren (传统地缘政治对抗). China ist sich dieser Situation wohl bewusst und sucht mit OBOR zivile Alternativen zu bewaffneten Konflikten.


Was verspricht China sich von dieser Initiative?

  • China kann Nachfrageschwächen nach seine Exporten durch aktive Steuerung glätten.
  • Der Übergang zu Produkten mit höherer Wertschöpfung und Qualität wird vorangetrieben.
  • Die chinesische Transportindustrie wird signifikant aufgewertet und gewinnt an Kapazitäten.
  • Der Renminbi wird zunehmend internationalisiert.
  • China erhöht die Versorgungssicherheit von Energie und Nahrungsmitteln: Beispielsweise wird bis dato Öl vom pakistanischen Hafen Gwadar über 16.000 km auf dem Seeweg transportiert. Zukünftig soll der Transport über den wirtschaftlichen Korridor zwischen Xinjiang/Kashgar und Pakistan erfolgen, wodurch 85% der Distanz eingespart werden.
  • Nicht zuletzt werden politische Verbindungen gestärkt, um Chinas Entwicklung zu einer Großmacht zu unterstützen. Die Verbesserungen, die China auf diesem Weg den beteiligten Staaten in Aussicht stellt, werden wohl kaum altruistisch funktionieren, doch ist China dafür bekannt, seine Auslandsinvestitionen mit vergleichsweise dünnen „strings attached“, also (oft moralisierenden) Nebenbedingungen freizugeben.


Mit welchen Risiken ist zu rechnen?


  • Es können im Zuge der Stärkung neuer Handelsverbindungen „alte“ Partnerschaften abkühlen. Beispielsweise wurden Schienenbauprojekte in Burma und Mexiko abgesagt.
  • Eine enge wirtschaftliche Anbindung neuer Partner an China wird eine politische Balancierung benötigen, um ausreichend politische Souveränität behalten zu können. Dadurch kann in diesen Ländern eine neue Annäherung an die USA gewollt sein, was zu einer Zangensituation führen kann.
  • Mit dieser wirtschaftspolitischen „zweiten Öffnung“ Chinas wird das Land auch seine Kapazitäten in der Infrastrukturerrichtung exportieren. Diese Industrie ist bereits traditionell defizitär im chinesischen Inland und es bräuchte massiver Entwicklungen, um im Ausland eine gewisse Profitabilität zu erreichen. Ob China seine Staatsfinanzen hier in eine Fass ohne Boden stecken wird, oder ob rentablere Privatfirmen auch mitspielen können, ist noch offen.
  • Besonders Russland, Indien und Japan sollten Teil der Entwicklung werden, sind jedoch wohl kaum wie kleine Nachbarstaaten zu motivieren und können durchaus Krisen in der Strategieumsetzung herbeiführen.
  • Eine klare Planung wird nötig sein, die nicht nur (wie China es bereits gut kann) bilaterale Verbindungen aufbaut, sondern auch multilaterale Federführung zeigen muss. Ohne eine risikobewusste detaillierte Planung unter Einbindung vieler Interessensträger drohen viele Risiken zu wahren Show-Stoppern zu werden. Dazu gehören geopolitische Konfliktregelungen wie im Südchinesischen Meer, das Teil der maritimen Seidenstraße ist, genau so wie logistische Herausforderungen wie harte Klimabedingungen und geographische Extremsituationen.

Zweifellos hat China mit der OBOR-Initiative eine großartige Entwicklung vor sich und seinen Partnern, doch darf es nicht vergessen, dass die Blütezeit der Seidenstraße der Tang-Dynastie vor einigen Jahrhunderten schon ihr Ende gefunden hat. Einen Gutteil der Planungsarbeit den Partnerländern zu überlassen, die über regionale Expertise verfügen, wird von kritischer Wichtigkeit sein, um „blinde Investitionen“ (盲目投资) zu vermeiden, in denen Ressourcen verschwendet werden. Heutige Nationen müssen auf eine umsichtige, neue Art und Weise angesprochen, integriert und motiviert werden, wenn die VR China zu ihrem hundertsten Geburtstag den neuen Gürtel und die neue Straße als Basis des Erfolgs feiern soll.

Autor:

Peter Buchas, BSc, ME

Unternehmensberater 

Finanzvorstand, ACBA

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