Europa im Spannungsfeld? Die künftigen Handelsbeziehungen zwischen den USA und China.

Am 20. Januar 2017 legte Donald Trump seinen Amtseid ab und trat das Amt des 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika an. Er wurde aufgrund eines politischen Programms in dieses Amt gewählt, das vorsieht, die heimische Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen, gleichzeitig aber auch mehr Protektionismus auszuüben und existierende Handelsbeziehungen umzugestalten. Sein großes Ziel ist „to make America great again“ (den USA wieder zu ihrer eigentlichen Größe zu verhelfen). Welche positiven oder negativen Einflüsse wird seine Präsidentschaft auf die künftigen Handelsbeziehungen zwischen den USA und China haben? Und welche Auswirkungen könnte sie auf die künftige Entwicklung des Kurses des Währungspaars USD/CNY haben? Welche Rolle könnte Europa hier spielen?

Zunehmendes Ungleichgewicht zwischen den USA und China

Mit Importgütern im Wert von 482 Milliarden US-Dollar ist China der größte Lieferant der USA, auch wenn ein Teil dieser Importe Güter sind, die zunächst von US-Unternehmen outgesourct wurden, um danach wieder importiert zu werden. Diese Beziehung ist nicht einseitig, denn China ist – nach den US-Nachbarländern Kanada und Mexiko – gleichzeitig der drittgrößte Importeur von US-Waren mit 116 Milliarden US-Dollar im Jahr 2015. Zwar mögen die Beziehungen zwischen den beiden Partnern sehr stark sein, doch neigt sich die Waagschale der Vorteile eindeutig in Richtung China. Das Handelsdefizit der USA gegenüber China ist sogar das weltweit größte überhaupt – und 2015 mit 367 Milliarden US-Dollar auf den bisherigen absoluten Höchststand gestiegen. Seit China 2001 Mitglied der Welthandelsorganisation (WTO) geworden ist, ist das Handelsvolumen zwischen den USA und China ständig gewachsen. Für die USA bedeutet das jedoch einen permanenten Anstieg des Handelsdefizits, dieses hat sich in den letzten 15 Jahren mehr als vervierfacht. Diese Entwicklung ist darauf zurückzuführen, dass chinesische Fabriken Konsumgüter, die von US-Haushalten in großen Mengen gekauft werden (elektrische Maschinen, Schuhe, Bekleidung, Elektrogeräte), weitaus günstiger produzieren als US-Unternehmen. Die Theorie des komparativen Vorteils, des britischen Ökonoms David Ricardo, kommt hierbei zu tragen. In diesem Fall jedoch mit einem kleinen Schönheitsfehler: Dank der niedrigen Löhne in China sind die chinesischen Waren zwar wettbewerbsfähiger (also günstiger) als die US-amerikanischen, auf der anderen Seite können chinesische Haushalte sich aufgrund des insgesamt weitaus niedrigeren Lebensstandards in China die innovativen, hoch spezialisierten US-Dienstleistungen (also den komparativen Vorteil der USA) nicht leisten. Der Pro-Kopf-Anteil des Bruttoinlandsprodukts (BIP) lag in China 2015 bei 8.141 US-Dollar. Trotz einer Vervierfachung ist diese Zahl immer noch 7-fach niedriger als in den Vereinigten Staaten, wo der Pro-Kopf-Anteil des BIP laut IWF-Daten bei 56.084 US-Dollar lag.

Abbildung 1:  Das US-Handelsbilanzdefizit mit China macht die Hälfte des weltweiten Handelsbilanzdefizits der USA des Jahres 2015 aus Quelle: Zahlen des Jahres 2015. Quelle: US-Bundesbehörde für Statistik der (US Census Bureau), WUBS
Abbildung 1: Das US-Handelsbilanzdefizit mit China macht die Hälfte des weltweiten Handelsbilanzdefizits der USA des Jahres 2015 aus Quelle: Zahlen des Jahres 2015. Quelle: US-Bundesbehörde für Statistik der (US Census Bureau), WUBS

„Amerikanische Mauer” im Aufbau?

Das US-Handelsbilanzdefizit könnte mit dem Einzug des neuen republikanischen Präsidenten Donald Trump ins Weiße Haus schon bald schrittweise reduziert werden. Während seiner Wahlkampagne hat Donald Trump immer wieder China – bzw. Chinas unfaire Wettbewerbsbedingungen – als einen der Hauptgründe für die wirtschaftliche Abkühlung und damit die immer größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich in den USA angeführt.

 

Donald Trump hat die chinesische Führungsspitze wiederholt beschuldigt, unfaire Handelshemmnisse aufzubauen, indem sie ausländische Produkte mit hohen Schutzzöllen belegt und 17 Prozent Mehrwertsteuer auf Importgüter erhebt. Laut Berechnungen der Welthandelsorganisation    lag  2015  der   Durchschnittszoll auf Importgüter in den USA bei 3,5 Prozent, während er in China 10,0 Prozent betrug. Nach Meinung des neuen US-Präsidenten sind diese Unterschiede in der Zollgesetzgebung nicht nur ein Grund für das US-Handelsbilanzdefizit gegenüber China, sondern auch mitverantwortlich für die Abkühlung der US-Wirtschaft. Da Donald Trump dieses Ungleichgewicht für inakzeptabel hält, möchte er Schutzzölle in Höhe von 45 Prozent auf alle chinesischen Importgüter zu erheben. Dies soll US-Unternehmen ermuntern, in den USA zu produzieren, anstatt ihre Produktion nach China zu verlagern. Mithilfe dieser Zollerhöhungen erhofft sich Trump zwischen 500.000 und einer Million neuer Arbeitsplätze und die Reduzierung des Handelsbilanzdefizits um 0,5 auf 1,0 Prozent des BIP. Es wäre nicht das erste Mal, dass sich die USA in Handelsfragen auf Auseinandersetzungen mit China einlassen und beschließen, die Richtlinien zu verschärfen. Im vergangenen Mai verkündete das US-Handelsministerium eine 500-prozentige Erhöhung der Zölle auf chinesischen Stahl, welcher für Fahrzeuge und  Elektromotoren verwendet wird. Diesmal jedoch geht es nicht nur um eine bestimmte Branche der Industrie, diese Änderungen betreffen sämtliche Handelsbeziehungen.

Abbildung 2: Deutliche Unterschiede bei den Zöllen 2015 sind ein wichtiger Auslöser der Spannungen  Quelle: WTO, WUBS
Abbildung 2: Deutliche Unterschiede bei den Zöllen 2015 sind ein wichtiger Auslöser der Spannungen Quelle: WTO, WUBS

Beim Tauziehen in Handelsfragen liegt der Fokus auf der Abwertung des Yuan

Neben den bestehenden zolltechnischen Unterschieden zwischen den beiden Ländern, führen die Medien und die US-Führung auch gerne noch ein weiteres Argument an: China ist zu einer wettbewerbstaktischen Abwertung der eigenen Währung übergegangen, um der Wirtschaft, deren Wachstum nicht mehr ganz so rapide steigt wie zuvor, neuen Schwung zu verleihen. Der Begriff Währungskrieg war 2016 in aller Munde, als der Yuan deutlich gegenüber dem US-Dollar nachgab und im November auf ein neues 8-Jahrestief fiel. Eine kontrollierte, schrittweise Abwertung  wurde in der Vergangenheit stets mit der wirtschaftlichen Liberalisierung Chinas bzw. zur Anpassung der Währung an die Märkte argumentiert. Ein Argument, welches kritische Beobachter jedoch nicht überzeugen konnte.

 

Dass sich das Wachstum der chinesischen Wirtschaft 2016 bei etwa 6,7 Prozent eingependelt hat, ließ die Sorge der Marktteilnehmer um eine allzu harte Landung schwinden, gleichzeitig jedoch die Yuan-Abwertungs-Thematik wieder aufflammen. Wirft man jedoch in China einen Blick auf die Handelsstatistiken des Jahres 2016, ist ein sanftes Wachstum des Exports in Yuan erkennbar, während sich bei den in US-Dollar ausgewiesenen Zahlen ein anhaltender Negativtrend zeigt, obwohl die Zeitungen  immer wieder den deutlich gesunkenen Yuan-Kurs herausstreichen. Sollte das bedeuten, dass ein schwacher Yuan nicht den gleichen wirtschaftlichen Schwung bringt wie früher? Wir tendieren dazu, eher davon auszugehen, dass das Thema rückläufiger Kurse beim Yuan nicht so bedeutsam ist.

 

Ein weiterer Punkt, der dafür spricht, dass das Thema Abwertung der chinesischen Währung nicht wirklich den Tatsachen entspricht, sind die negativen Auswirkungen vorangegangener Abwertungsprozesse. Der Abwertungsprozess im August 2015 löste an den weltweiten Börsen einen Schock aus. Auch für China war dieser Prozess eine sehr kostspielige Episode. Die Zentralbanker waren gezwungen den Yuan künstlich zu stützen, um einen massiven Kapitalabfluss zu verhindern. Die People‘s Bank of China (PBoC) verkaufte zwischen August 2015 und Dezember 2015 Devisenreserven in Höhe von umgerechnet 321 Milliarden US-Dollar und zwischen August 2015 und Oktober 2016  eine Gesamtsumme von 436 Milliarden US-Dollar.  Im Gegensatz zur vorherrschenden Meinung hat China in den vergangenen Monaten mehr zur Stützung des Yuan unternommen, als ihn abzuwerten, da man bemüht war, die enormen Währungsschwankungen zu reduzieren.

Abbildung 3: Korrelation zwischen chinesischen Exporten und Kurs des Währungspaars USD/CNY  Quelle: Staatliches Amt für Statistik in China, Reuters, WUBS
Abbildung 3: Korrelation zwischen chinesischen Exporten und Kurs des Währungspaars USD/CNY Quelle: Staatliches Amt für Statistik in China, Reuters, WUBS

Opportunistische Versprechungen im Rahmen der Wahlkampagne oder tatsächliche Bedrohung?

Es ist schwer zu sagen, ob Trumps Versprechen, Zölle in Höhe von 45 Prozent einzuführen, tatsächlich umgesetzt werden wird oder ob es sich um leere Versprechen im Rahmen der Wahlkampagne handelte. In der faktischen  Betrachtung wären derartige Maßnahmen nicht mit den Richtlinien der WTO zu vereinen. Die Handelsorganisation gestattet lediglich eine 15-prozentige Anhebung der Zölle für einen Zeitraum von 150 Tagen, um ein Leistungsbilanzdefizit zu senken. Derartige Maßnahmen umzusetzen, würde ernsthafte Sanktionen seitens der WTO für die USA bedeuten. Somit ist durchaus denkbar, dass das Argument einer 45-prozentigen Erhöhung der Zölle keine echte Gefahr darstellt, sondern es sich dabei eher um einen Vorwand Trumps handelt, nicht nur mit der chinesischen Führung bessere Konditionen auszuhandeln, sondern auch andere Länder dazu zu bringen, ihre Schutzzölle zu senken. Es wirkt wie die 2.0 Version der „Big Stick“-Außenpolitik Theodore Roosevelts, wobei in diesem Fall die Waffen durch Zölle ersetzt werden. Es ist schwierig abzuschätzen, wie die künftige Handelsagenda unter Trump in den nächsten vier Jahren aussehen wird, da er keinen wirklichen politischen Hintergrund hat, auf den man sich verlassen könnte. Zudem eilt dem Immobilienmogul der Ruf einer gewissen Unberechenbarkeit voraus. Dennoch gibt es zwei Punkte, die uns die künftigen Beziehungen zwischen den USA und China ein wenig optimistischer einschätzen lassen: Erstens, dass die meisten Importgüter aus China Konsumprodukte wie Computer oder Mobiltelefone sind. Somit würde eine Anhebung der Zölle auf derartige Produkte nicht unbedingt dafür sorgen, neue Stellen in den USA zu schaffen, sondern lediglich die Kaufkraft der US-Haushalte senken und für Inflation sorgen. Zweitens ist und bleibt China der ausländische Staat mit dem höchsten Anteil an US-Staatsanleihen, der Stand September 2016 laut dem US-Finanzministerium bei 1,157 Billionen US-Dollar lag. China hält damit 19 Prozent der gesamten in ausländischem Besitz befindlichen US-Anleihen und 6 Prozent der aktuellen Verschuldung der 19,8 Billionen US-Dollar Schulden der USA. Somit wäre es für die USA gefährlich, mit China einen Handelskrieg anzuzetteln und damit das Risiko einzugehen, dass es zu einem massiven Verkauf der US-Schuldentitel kommen könnte.  Die Zinslast der USA würde rapid steigen und somit notwendige Infrastrukturinvestitionen unfinanzierbar machen. Vor diesem Hintergrund ist eher nicht damit zu rechnen, dass die Handelsbeziehungen zwischen den beiden Wirtschaftsgiganten über einen längeren Zeitraum hinweg angespannt bleiben, da es nicht im Interesse der beiden Seiten sein kann, sich auf einen längeren Handelskrieg einzulassen.

Abbildung 4: Chinesische Anleger besitzen 6% der gesamten US-Schulden 2016! Quelle: TICS (Statistiken des US-Finanzministeriums), WUBS
Abbildung 4: Chinesische Anleger besitzen 6% der gesamten US-Schulden 2016! Quelle: TICS (Statistiken des US-Finanzministeriums), WUBS

Neben den medialen Drohungen, Opportunitäten für Europa

Ein Rückzug der USA aus dem geplanten TPP-Handelsabkommen (Transpazifische Partnerschaft) bietet China Gelegenheit, eine Führungsrolle bei der Organisation einer großen asiatischen Freihandelszone zu übernehmen, ähnlich der NAFTA oder der Europäischen Union. Die nächsten Jahre könnten China mehrere dieser Opportunitäten bieten. Für Europa könnte diese Entwicklung ebenfalls eine Opportunität darstellen. Die Handelsbeziehungen mit China könnten weiter ausgeweitet werden, man könnte zu dem zentralen europäischen Partner werden.

Wo geht es mit dem Yuan hin?   Stabilisierung ist Chinas neues Mantra

Wird es dem Dollar in Bezug auf den Yuan gelingen, die wichtige psychologische Schwelle von 7,0 zu durchbrechen? Es ist ein Szenario, das sich zwar einstellen könnte, aber eher temporärer Natur sein dürfte. Die Stärke des US-Dollars basiert überwiegend auf erwarteten US-Leitzinserhöhungen. Auch das wirtschaftliche Programm von Trump verleiht dem US-Dollar derzeit Flügel. Die chinesische Führungsspitze ist bemüht, einen weiteren Anstieg des USD/CNY-Wechselkurses zu verhindern, da sie befürchtet, dieser könnte zu massivem Abfluss von Kapital führen. Aus diesem Grund lässt sich seit Juli ein deutlicher Rückgang der PBoC-Devisenreserven erkennen. Die Stabilisierung des Yuan ist zum neuen Mantra der chinesischen Führungsspitze geworden. Eine schrittweise Öffnung des chinesischen Marktes für ausländische Anleger ist geplant. Um seine Glaubwürdigkeit nicht zu verlieren, kann China nicht mehr zu alten Strategien wie einer Währungsabwertung zur Stimulierung der heimischen Wirtschaft greifen die Volksrepublik ist bestrebt, aus dem Yuan eine internationale Währung zu machen. Dass der Yuan seit dem 1. Oktober 2016 offiziell in den Währungskorb des IWF aufgenommen wurde ist ein weiterer Schritt bei der Umsetzung des Vorhabens, den Yuan nach und nach immer mehr dem Spiel der globalen Marktkräfte auszusetzen und die chinesische Währung zunehmend von ihrer historischen Verbindung zum US-Dollar abzukoppeln. Der EURO spielt derzeit in diesem Zusammenhang eine untergeordnete Rolle.

Abbildung 5 Stabilisierung ist Chinas neues Mantra Quelle: China Fremdwährungshandelssystem, WUBS
Abbildung 5 Stabilisierung ist Chinas neues Mantra Quelle: China Fremdwährungshandelssystem, WUBS

Schlussfolgerungen

Die künftigen Beziehungen zwischen den USA und China könnten mit dem Einzug von Donald Trumps ins Weiße Haus völlig neue Formen annehmen. Wir rechnen nicht mit der Umsetzung der protektionistischen Töne, die während des US-Wahlkampfs angeklungen sind, also mit einem Handelskrieg zwischen den USA und China, denn dabei würden beide Seiten verlieren. Stattdessen gehen wir davon aus, dass neue Lösungsansätze gesucht werden. Dabei könnten sich für China neue Opportunitäten eröffnen. Das gilt vor allem im Hinblick auf Asien, wo es seinen Einfluss und die Handelsbeziehungen zu seinen Nachbarn intensivieren könnte. Die neue Beziehung zwischen den USA und China könnte eine Gelegenheit bieten, den Yuan nicht mehr wie bisher einzig durch die US-Dollar-Brille zu betrachten. Wie für die chinesische Wirtschaft gilt auch für den Yuan, dass in einer globalisierten Welt nicht mehr die Abwertung, sondern die Stabilisierung in den Vordergrund rückt. Ein Auseinanderrücken der beiden Großmächte USA und China könnte für Europa eine Gelegenheit bieten, um die Beziehungen zu China weiter zu vertiefen?

Autor

Gerhard Scharinger, MA

Head of Corporate Hedging CEE,

Western Union Business Solutions

Für nähere Informationen zum internationalen Zahlungsverkehr und Risikomanagement von Fremdwährungen besuchen Sie unsere Homepage business.westernunion.at bzw. erreichen Sie mich per Mail an gerhard.scharinger@westernunion.com und telefonisch unter +43 1 506 17 709.

 

(Der Artikel wurde im ACBA-Jahresbericht 2017 veröffentlicht. Den vollständigen Bericht können Sie hier downloaden.)