Chinas große Vision der Neuen Seidenstraße

Die Seidenstraße – über Jahrhunderte hinweg ein pulsierendes Netzwerk von Handelsrouten zwischen Asien, Europa und Afrika über welches Güter, Innovationen, Technologien und ideelle Konzepte wie Religionen und Philosophien ausgetauscht wurden – soll im 21. Jahrhundert neu belebt werden. 

Anstelle von Kamelen diesmal mit weit verlinkten Datenstraßen, koordinierten Abwicklungssystemen zum ungehinderten Warenfluss, auf Hochgeschwindigkeitszügen  beschleunigt durch grüne Energie auf Basis harmonisierter Interessenslagen der involvierten Länder und unter freier , gewinnbringender Beteiligung aller, die an dieser großen Idee mitarbeiten wollen – soweit die Theorie zur grandiosen Vision der chinesischen Regierung, welche im März 2015 in einem Aktionsplan zur „One Belt, One Road“ Strategie („yi dai yi lu“ 一带一路,  mittlerweile meist bezeichnet als „Belt & Road“ Initiative ) vorgestellt wurde.

Was ist “Belt & Road”?

Die Einführung dieser umfassenden Initiative kommt zu einer Zeit, wo China in eine neue Ära eintritt – oft bezeichnet als „New Normal“ – die neuen Gegebenheiten der wirtschaftlichen Entwicklung in China, basierend auf einem Entwicklungsmodell mit langsamerem aber  qualitativ hochwertigerem Wachstum in der Höhe von 5-7% jährlich. Dies bedingt strukturelle Veränderungen mit einem gesteigerten Fokus auf Binnenkonsum, Innovation zur Steigerung der Produktivität und dem Aufstieg in der globalen Wertschöpfungskette, besseres Wachstum im Hinblick auf mehr Ausgleich in der Umverteilung innerhalb des Landes und der sozialen Schichten mit weniger negativen Auswirkungen auf die natürliche Umwelt.

 

In Kombination mit der „Go Global“ Initiative, mittels derer chinesische Firmen zur Internationalisierung ihres Angebotes stimuliert werden sollen, fördert die Regierung auch Kooperationen entlang der vorgegebenen Routen und will damit die Globalisierung chinesischer Fonds, chinesischer Expertise und entsprechende Machteinwirkung erreichen.

 

Das Konzept der Neuen Seidenstraße umfasst folglich nicht nur die Entwicklung der westlichen Provinzen in China selbst, sondern reicht weit darüber hinaus und soll ein gigantisches Netzwerk an Land und auf See umfassen. 65 Länder, zirka 55% des globalen GNP, 70% der Weltbevölkerung und 75% der bekannten Energieressourcen sollen sich darin wiederfinden.

Sechs Wirtschaftskorridore verbinden Asien, Europa und Afrika
Sechs Wirtschaftskorridore verbinden Asien, Europa und Afrika

„Belt and Road“ ist der Überbegriff für die Kombination des „Silk Road Economic Belt“ an Land und der „21st Century Maritime Silk Road” auf See, die gemeinsam die Kontinente Asien, Europa und Afrika entlang von fünf Routen und sechs Wirtschaftskorridoren verbinden sollen.

 

Der Wirtschaftsgürtel der Neuen Seidenstraße „Silk Road Economic Belt“ verbindet China mit

 

(1) Europa über Zentralasien und Russland 

(2) dem Mittleren Osten über Zentralasien 

(3) Süd- und Südostasien und dem Indischen Ozean

 

Über die maritime Seidenstraße „21st Century Maritime Silk Road” soll China verbunden werden mit 

(4) Europa über das Südchinesische Meer und den Indischen Ozean sowie 

 

(5) dem Südpazifik über das Südchinesische Meer 

 

Ein umfassender „Aktionsplan“ wurde von der chinesischen Regierung aufgesetzt. Dieser stellt klar, dass China im Rahmen der existierenden internationalen Systeme operieren will. Es sollen die Standards und Normen der UN und anderer multilateraler Partner wirksam sein. 

 

as Resultat soll in einer vermehrten interregionalen Kooperation bestehen, die anders als die ursprünglich von den USA initiierten Handelsverträge TPP und TTIP, in denen sich China als zweitgrößter Wirtschafts-raum marginalisiert sah, inklusiv sein und allen, die mitmachen wollen, Vorteile bringen soll.

 

B&R ist eine komplexe Vision, welche philosophische und ökonomische Elemente im chinesisch geprägten Diskurs vereint. 

 

Ein zugrundeliegendes Prinzip der B&R Strategie ist nichts Geringeres als ein neues Denken anzustoßen über die Ordnung globaler Angelegenheiten. Damit hat die Initiative – wie in westlichen Publikation oftmals hervorgehoben – definitiv einen geopolitischen Leitgedanken. Die Idee eines inklusiven globalen Steuerungssystems, wo Länder und Regionen unterschiedlichen Entwicklungsstandes eingeladen sind, besser als bisher auf Augenhöhe zu kooperieren.

 

In ökonomischer Hinsicht wurde die Initiative geschaffen, den geordneten freien Fluss der Wirtschaftsfaktoren und die effiziente Ressourcenallokation zu fördern. Es soll auch die Integration von Märkten stärken und regionale Kooperationsrahmen schaffen zum Vorteil aller darin vertretenen Parteien.

Die großen im B&R Aktionsplan der Regierung definierten Arbeitsblöcke beinhalten diplomatische Missionen und politische Überzeugungsarbeit, gigantische Infrastrukturentwicklung, Integration der Märkte und Handelssysteme, die Bereitstellung der finanziellen Basis und die Unterstützung des kulturellen Austauschs zum vertieften Verständnis der Völker untereinander.

Politische Koordination bedeutet konkret, dass Länder entlang der B&R Routen auf Basis von Konsultationen partnerschaftlich Entwicklungspläne und Maßnahmen formulieren sollen zur Vorantreibung von zwischen-staatlichen und länderübergreifenden Kooperationen, Probleme lösen die sich potentiell aus der Zusammenarbeit ergeben und gemeinsame politische Vorhaben unterstützen zur Implementierung praktischer Kooperationen und großer Projekte. 

 

Interkonnektivität von Anlagen und Verkehrshauptadern bezieht sich auf die Priorisierung von Bauvorhaben als Teil der B&R Strategie. Barrieren und Engstellen in den Hauptverbindungsrouten sollen behoben, Hafeninfrastruktur modernisiert und inter-modaler Transport auf dem Landwasserweg gefördert werden. Die Konnektivität von Infrastrukturanlagen, wie Bahnverbindungen, Autobahnen, Flugverbindungen, Häfen, Telekommunikation, Öl- und Gasrohrleitungen soll ebenfalls gefördert werden. Das neu zu schaffende Infrastrukturnetzwerk solle weite Teile Asiens untereinander sowie mit Europa und Afrika verbinden.

 

Um den ungehinderten Handel zu fördern, sollen Maßnahmen gesetzt werden zur Reduktion von Investitions- und Handels-barrieren, zur Kostenverringerung und zur regionalen wirtschaftlichen Integration. China hofft darauf, ~60 Freihandelsvereinbarungen mit Ländern entlang der Neuen Seidenstraße schließen zu können. Bisher wurden 12 davon unterzeichnet, 8 weitere stehen in Verhandlung.

 

Hinsichtlich der finanziellen Integration werden Aktion unternommen zur Koordination von währungspolitischen Maßnahmen, die Vereinfachung von Abrechnungen in Landeswährungen, Vertiefung der multilateralen und bilateralen finanziellen Kooperationen, Aufbau regionaler Entwicklungsfinanzinstitutionen, sowie verstärkte Zusammenarbeit in der Überwachung von Finanzrisiken.

 

Zur Sicherstellung der Finanzierung der ambitiösen B&R Strategie, die bis zum Jahr 2049, dem 100jährigen Jubiläum der VR China, vollständig implementiert sein soll, wurden mehrere Finanzvehikel auf Schiene gebracht:

Weltbank: 188 Mitgliedsländer,  etabliert 1944, USD 253 Mrd Kapital

 

IMF:189 Mitgliedsländer,  etabliert 1945, USD 659 Mrd  nach Quota-Aufstockung Q1/2016  (davor~USD 329 Mrd)  

Asiatische Infrastruktur Investitionsbank (AIIB)

Die AIIB mit einer Deckung von USD 100Mrd wurde geschaffen, um vorhandene multilaterale Entwicklungsbanken zu ergänzen und mit der besonderen Aufgabe, eine Vielzahl von Infrastrukturbedürfnissen in Asien zu adressieren: Energie, Transport, Verkehr, Telekommunikation, ländliche Infrastruktur, Entwicklung der Landwirtschaft, Wasserversorgung, Kanalisation, Umweltschutz, städtische Entwicklung und Logistik.

 

Ende 2015 haben alle 57  Gründungsmitgliederkandidaten der AIIB (einschließlich Österreich) die Vertragsbestimmungen unterzeichnet (USA und Japan haben die Mitgliedschaft abgelehnt).  Anfang 2016 wurde vom Gouverneursrat die Gründungsversammlung abgehalten und die Bank als eröffnet und arbeitsfähig erklärt.

 

2016 wurden USD 1.7 Mrd investiert. Es sind 9 laufende Projekte in den Sektoren Energie, Transport und Armutsbekämpfung gelistet, die in den Ländern Bangladesch, Indonesien, Myanmar, Oman, Pakistan und Tadschikistan beheimatet sind. 2017 sollen 3 – 5 Mrd USD investiert werden und im Jahr darauf bereits 10 Mrd USD.

Seidenstraßenfonds (Silk Road Fund)

Der 40 Mrd USD schwere Seidenstraßenfonds wurde 2014 etabliert, um die B&R Initiative zu finanzieren. Investitionsziele sind hauptsächlich Infrastruktur und Ressourcen, sowie industrielle und finanzielle Kooperationen. Gründungsmitglieder sind staatliche  Chinesische Devisenverwaltung, die Chinesische Investitionskorporation, Chinas Export-Import Bank und die Chinesische Entwicklungsbank. Der Seidenstraßenfonds hat bereits 2015 Projekte finanziert wie das pakistanische Wasserkraftprojekt Karot im Wert von 1.65Mrd USD. Er war auch beteiligt an den ChemChina Akquisitionen von Pirelli und der Übernahme von 9,9% Anteilen am Yamal LNG Projekt von Novatek in Russland. 

 

Die Neue Entwicklungsbank (früher BRICS Bank und nur teilweise der B&R Initiative gewidmet) mit einem Kapital von 100 Mrd USD wurde 2015 gegründet. 2016 kam es bereits zur Vergabe von 811 Mio USD an Darlehen zur Errichtung von 2.370 MW Kapazitäten erneuerbarer Energie in Brasilien, China, Indien und Südafrika.

 

Die China Export-Import Bank ist eine weitere aktive Wirkungskraft an der Belebung der alten Handelsrouten. Schätzungen zufolge hat die Bank über 1.000 Infrastruktur- und Industrieparkprojekte in 49 Ländern entlang der B&R Destinationen allein im Jahr 2015 unterstützt und dabei 80Mrd USD ausgegeben. 

 

Im Jahr 2016 wurde der CEE 16+1 Fonds von der Industrie- und Kommerzbank Chinas mit einer Kapitaleinlage von 10 Mrd Euro gegründet. Über diesen Fonds sollen Investitionen in Infrastruktur, Hightech-Industriefertigung und in der Konsumgüterindustrie in Zentral- und Osteuropa finanziert werden. Eine Ausweitung auf andere Gebiete innerhalb oder außerhalb Europas ist denkbar, sollten die Projekte für die CEE-China Kooperation von Relevanz sein.

 

Schätzungen zufolge sind insgesamt bereits 250 Mrd USD in Projekte geflossen, die in Zusammenhang mit der B&R Initiative entweder bereits gebaut, gerade gestartet oder eben erst unterschrieben wurden.

 

Der fünfte Aktivitätsbereich im B&R Aktionsplan hat zum Ziel die Verbindungen zwischen den Menschen und Völkern zu stärken. Hier will man sich bemühen, den Dialog der Kulturen zu fördern und verbindende Interaktionen zum besseren gegenseitigen Verständnis auszubauen, zum Beispiel durch Studentenaustausch, kulturelle und sportliche Veranstaltungen, Kooperationen im Gesundheitsbereich, der Armutsbekämpfung und viele mehr.

Welche Rolle kann Österreich einnehmen?

Nachdem Österreich Mitte 2015 der AIIB, einem der wichtigsten Finanzvehikel zur Realisierung der Neuen Seidenstraße beigetreten ist, wäre es nun an der Zeit zu erkennen, welche Chancen sich aus der Initiative ergeben können.

 

Diese bestehen zunächst im Verstehen der vielfältigen ökonomischen Möglichkeiten, die sich in der Infrastrukturentwicklung bieten. Schätzungen belaufen sich auf einen Bedarf von ~90 Billionen USD Infrastrukturinvestitionen in den B&R Ländern bis zum Jahr 2030 . Das bedeutet sehr viele Kraftwerke, Hochleistungsschienennetze, Rohr- und Kabel-systeme, Baumaschinen, technische Ausrüstung, Ingenieursleistungen, Expertisen und Consultingservices usw. in einer Vielzahl von Branchen und Sektoren. 

 

China legt in allen neuen Entwicklungs-strategien großes Augenmerk auf grüne und saubere Technologien, was sich auch in den Grundsätzen zur Neuen Seidenstraße spiegelt. Im Bereich Umwelttechnik bieten sich für österreichische Unternehmen also eine Vielzahl von Möglichkeiten zur Partizipation. Eine Anhebung des Lebensstandards in den Inlandsregionen der Volksrepublik China und den Schwellenländern in Asien auf der Basis nachhaltigen Wirtschaftens ist eine der größten Herausforderung der nächsten Zeit, die reichhaltig Chancen bietet.

 

Für Österreich bieten sich aber auch noch weitere Chancen z.B. im Wahrnehmen einer Koordinationsfunktion in der Kooperation mit den zentral- und osteuropäischen Ländern, mit denen uns traditionell eine intensive Beziehung verbindet und die für China von besonderem Interesse sind. Intensivierte Anstrengungen zur Bewerbung Österreichs als idealem Standort für chinesische Headoffices im Herzen Europas mit den zugehörigen Verbesserungen im bürokratischen Ablauf zur Visabeschaffung und Unterstützung bei Standortgründungen sind hier erste Priorität. 

 

Kreatives Denken und ein wenig infrastrukturpolitische Imagination zu den Potentialen der Seidenstraße idealerweise auf pan-europäischer Ebene, könnte uns auch zu einem Innovations- und Investitionsschub in der analogen sowie der digitalen Welt anregen, sprich innereuropäische Güterzug-transportsysteme, smarte Logistik und vieles mehr.

 

Über die wirtschaftliche Dimension hinaus ist Österreich aufgrund seiner Neutralität und der traditionell guten diplomatischen Beziehungen zu Ost und West bestens geeignet, eine aktive Rolle zu spielen in der Unterstützung der diplomatischen Missionen zur Umsetzung der Seidenstraßen-Vision und dem damit verbundenen neuen multipolaren Paradigma der globalen geopolitischen Verhältnisse.

 

Auch unsere Kulturkompetenz, die weltweit geschätzt wird, kann Österreich als Vorteil dienen, wenn es darum geht, den Dialog zum Verständnis der Kulturen zu unterstützen. 

Reflexionen

In der Wiederbelebung der alten Ideen, Visionen und Entwicklungspfade der alten Seidenstraße und Seewege, könnte sich Chinas B&R Strategie zur ehrgeizigsten, faszinierendsten und transformativsten globalen Wirtschaftsinitiative des 21. Jahrhunderts entwickeln. Mancherorts wird sogar vom einem „Re-engineering des globalen Geschäftsumfeldes“ gesprochen.

 

Bei aller Euphorie ist aber nicht zu übersehen, um welch enorme Herausforderung es sich hierbei handelt. 

 

Die Vielfalt der Länder entlang der Neuen Seidenstraße und deren unterschiedliche wirtschaftliche und politische Dispositionen bergen auch eine Menge Risiken angefangen von den fundamentalen rechtlichen und finanziellen Herausforderungen beim Eintritt in neue Märkte bis hin zu politischer und sozialer Instabilität und regionalen Auseinandersetzungen. 

 

Zudem stoßen die chinesischen Initiativen nicht überall auf Gegenliebe. Jüngst kam es in Sri Lanka bei der Eröffnung eines Industrieparks mit chinesischer Finanzierung zu Protesten seitens der lokalen Bevölkerung. Ähnliche Vorfälle wurden auch aus Bangladesch bekannt, wo Dorfbewohner gegen ein Kraftwerk mit chinesischer Finanzierung auf die Straße gingen. 

 

Ungeachtet aller Risiken und Unsicherheiten kann die Neue Seidenstraße aber dennoch zu einer kraftvollen Lokomotive für globales Wachstum werden sowie Grundlagen und Anreize schaffen, die hilfreich sein können bei der Stabilisierung von Krisenherden und Konfliktregionen. 

Autorin

Mag. Veronika Ettinger ist ACBA Generalsekretärin und hauptberuflich bei der Borealis AG in Wien im Bereich Commercial Excellence und Asia Growth tätig. Sie hat an den Universitäten Wien, Hangzhou und Jilin Sinologie studiert. Für Wienerberger/Pipelife war sie mehrere Jahre in Guangzhou und Chengdu in leitenden Funktionen tätig. Bei Borealis hat sie in Schweden und Österreich eine Reihe von Funktionen in Marketing, Innovation, Supply Chain und im Operations Management durchlaufen.  

 

(Der Artikel wurde im ACBA-Jahresbericht 2017 veröffentlicht. Den vollständigen Bericht können Sie hier downloaden.)